Mal wieder ziehen „ganz normale“ Bürger_Innen des Nachts mit Fackeln in den Händen durch die Straßen ihrer Kleinstadt, um gegen Menschen mobil zu machen, die nicht in ihr Weltbild passen. Diese Szenerie spielt sich derzeit in Schneeberg und vielen weiteren Orten Deutschlands ab. Waren  es in Greiz erst wenige Anwohner_Innen, die sich mit abendlichen  Fackelmärschen gegen Geflüchtete in ihrer Nachbarschaft wehren wollten, versammelten sich in Schneeberg mehr als tausend lokale Bürger_Innen, tatkräftig unterstützt durch die NPD. Ziel war, gegen den Umbau einer ehemaligen Bundeswehrkaserne in ein Asylsuchendenlager zu demonstrieren. Das Ausmaß solcher Szenerien erinnert an die  Pogromstimmung der neunziger Jahre in Deutschland. Vermehrt auftretende  Brandanschläge, beispielsweise gegen Häuser in denen Romafamilien leben,  spiegeln die Brisanz der Situation wider. Die Stimmung in Deutschland ist finster. Jedes Wochenende werden inzwischen Kundgebungen oder Demonstrationen von Nazis oder „ganz normalen“ Bürger_Innen angemeldet, um gegen Geflüchtete zu hetzen.

Diese Website unternimmt den Versuch, die erschreckenden Ereignisse laufend zu dokumentieren und übersichtlich darzustellen. Sie kann dabei nur eine erste Orientierung liefern und die detaillierte  Beschäftigung mit Quellen vor Ort nicht ersetzen. Vor allem weil die Karte gesellschaftliche Tendenzen wie Gesetzesänderungen, politische Entscheidungen und Diskussionen in ihrem Wandel nur schemenhaft nachskizzieren kann. Die latent vorhandenen rassistischen Einstellungen in großen Teilen der Bevölkerung bestehen jedoch auch fernab von praktischen Ereignissen fort. Die Karte enthält die Orte, das Datum sowie eine knappe Zusammenfassung der jeweiligen Ereignisse.

Wir möchten diese Website zu einer Chronik beginnend mit 2013 ausbauen, welche  möglichst vollständig die menschenverachtende Stimmung in Teilen der deutschen Bevölkerung aufzeigt. Ein solches Dokumentationsarchiv könnte Hinweise über Zu- oder Abnahme rassistischer Aktionen und lokaler oder zeitlicher Häufungen liefern.

Bitte um Mithilfe:

Wir sind uns der Unvollständigkeit unserer Daten bewusst, deshalb brauchen wir eure Hilfe. Schickt uns noch nicht dokumentierte, thematisch verwandte Informationen über Brandanschläge, Demonstrationen, Aktionen, Bürgerversammlungen, Unterschriftenlisten oder Proteste. Gerne auch Korrekturen, Aktualisierungen und Präzisierungen der bisher  aufgelisteten Ereignisse. Im Idealfall enthalten eure Informationen für uns den Ort des Ereignisses, eine kurze Beschreibung und Quellen zur  Verifizierung. (Falls euch das zu viel ist, schickt uns nur die Quelle). Dafür haben wir eine E-Mail Adresse eingerichtet: dok-maar[at]riseup.net. Selbstverständlich werden wir eure persönlichen Daten an niemanden weitergeben und zeitnah löschen.  

Einen PGP-Schlüssel findet ihr als Download auf dieser Seite.

Informationen zu unserer Arbeitsweise:

Wir möchten den Fokus auf die rassistische Stimmung und das menschenverachtende Klima richten, welches in der Mitte der Gesellschaft entsteht und von breiten Teilen der Bevölkerung getragen wird. Diese Stimmung ist jedoch nicht statisch adäquat erfassbar, sondern stellt immer einen Prozess dar. Sie ist Teil des Alltags der Menschen, wird kontinuierlich produziert bzw. oft auch unbewusst reproduziert und verändert sich laufend. Die gelisteten Ereignisse auf der Karte sind daher nur finaler und punktueller Ausdruck dieses latenten Rassismus. Sie stehen stellvertretend für langfristige „Diskurse“ die sich in den jeweiligen Orten, aber auch darüber hinaus abspielen. Daher listen wir keine Proteste die „lediglich“ von neonazistischen Gruppierungen veranstaltet werden und keine Beteiligung der lokalen Bevölkerung aufweisen. Diese rechten Gruppierungen stellen zwar eine große Bedrohung dar, oft sind ihre Kundgebungen aber nicht mehr als der klägliche Versuch ihre Propaganda gesellschaftsfähig zu machen. Da sich der gesellschaftliche Diskurs zum Thema Flucht 2013 zugespitzt hat, konzentrieren wir uns auf rassistische Übergriffe auf Asylsuchende. Selbstverständlich sind die Dimensionen rassistischer Angriffe bedeutend umfassender. Dafür, sowie für allgemeine Chroniken von rechtsmotivierten Aktivitäten, gibt es aber bereits auch Archive wie z.B. die von Opferberatungen oder Landtagsanfragen diverser Parteien und Gewerkschaften. Da unsere Kapazitäten momentan jedoch stark begrenzt sind, sind nicht alle Vorfälle, die uns geschickt wurden, in der Karte oder der Chronik dokumentiert. Für die Zukunft streben wir einen Ausbau des Archivs an.

Informationen zur Karte und Chronik:

Die Karte und Chronik sind in drei Hauptkategorien gegliedert. Diese stellen den Versuch einer eindeutigen Zuordnung dar, weisen jedoch Lücken auf und sind mitunter schwammig. In einer ersten, rotmarkierten Kategorie werden Brandanschläge gegen Unterbringungen von Geflüchteten dokumentiert. In ihr werden jedoch nur Brandanschläge auf Unterbringungen gelistet, die zum Zeitpunkt des Anschlags bewohnt waren. Bei diesen Fällen bestand eine direkte, reale Lebensgefahr für die Bewohner_Innen. Die zweite, orangemarkierte Kategorie umfasst direkte Aktionen. Darunter fallen für uns alle Vorfälle, die über eine rein verbale Artikulation von rassistischen Stereotypen und Ressentiments herausgingen. Dazu zählen vor allem körperliche Angriffe auf Geflüchtete, Sachbeschädigungen an den Häusern (Farbbomben, Sprühereien, zerstörte Türen, angezündete Mülltonnen oder ähnliches) sowie Böllerwürfe auf diese. Außerdem auch Brandanschläge auf ehemalige oder zukünftige Geflüchtetenlager. Die dritte, gelbmarkierte Kategorie dokumentiert rassistische Proteste wie Kundgebungen, Demonstrationen, Versammlungen  und Informationsveranstaltungen bei denen es zu einer Beteiligung der „normalen“ Bevölkerung kam. In einer letzten, blau markierten Kategorie werden Fälle aufgenommen, bei denen anhand unseres Informationsstandes keine ein-eindeutige Zuordnung möglich erscheint.

Wir sind uns bewusst, dass diverse aufgenommene Fälle diesem Verständnis nicht entsprechen, hielten es jedoch angesichts des jeweiligen Falles für notwendig und bedeutend, ihn zu dokumentieren. Wir hoffen ihr habt dafür Verständnis.

Dokumentationsarchiv M.A.A.R.

Leipzig, den 11.12.2013