Am 16.11.2013 erhielten wir die Möglichkeit auf der Demo „Gegen den rassistischen Mob“ in Schneeberg unser Projekt kurz vorzustellen. Dies war unser Redebeitrag:

Liebe Freund_innen, liebe Mitstreiter_innen,

wir möchten euch an dieser Stelle unsere solidarischen Grüße übermitteln – eure Präsenz heute, hier, in diesem [abgelegenen] Ort – ist dringend und unbedingt notwendig. Schneeberg steht symbolisch für die Zuspitzung der latent vorherrschenden deutschen rassistischen Verhältnisse. Zahlenmäßig ist es selbstverständlich erschreckend, wenn ein deutscher Mob von 2000 Rassist_innen und organisierten Nazis nachts mit Fackeln [oder wie heute mit Knicklichtern] gegen Asylsuchende hetzt und droht „einen Gang höher zu schalten“. Doch liegt man in der Annahme falsch, dass Schneeberg darüber hinaus ein „Sonderfall“ ist. Überall in der Bundesrepublik bilden sich Bürgerinitiativen und Bürgermobs, unterstützt von organisierten Neonazis, um gegen Geflüchtete und deren Heime, in denen sie gezwungen werden zu leben, mobil zu machen.

Bisher sind uns allein 2013 acht Brandanschläge auf bewohnte Asylbewerberheime, bei denen Menschen verletzt wurden, bekannt. Darüber hinaus wurden zwei ehemalige oder zukünftige Asylbewerberheime angezündet. Weiter sind uns über 20 direkte Aktionen, wie Böller und Flaschenwürfe, Sachbeschädigungen und rechte Sprühereien, sowie gewalttätige Übergriffe auf Geflüchtete und deren Unterkünfte bekannt. Und über 40 mal bildeten sich dieses Jahr in der BRD rassistische Bürgermobs in verschiedenen Orten, um gegen die dort untergebrachten Flüchtlinge zu hetzten. Dabei sind Demonstrationen oder Kundgebungen rechter Parteien, bei denen es zu keiner größeren Beteiligung der lokalen Bevölkerung kam, nicht mitgerechnet.
Mal ganz abgesehen von strukturellen und gesetzlichen Peinigungen, die die Betroffenen oft jahrelang ertragen müssen. Vorfälle und die Stimmung der lokalen Bevölkerung wie in Duisburg, Güstrow oder Arnstadt sind genauso drastisch und bezeichnend wie die Situation in Schneeberg. Spiegeln sie doch das menschenverachtende gesellschaftliche Klima in der BRD wieder.

Das Ausmaß solcher Szenerien erinnert an die Pogromstimmung der neunziger Jahre in Deutschland. Hoyerswerda 1991, Rostock-Lichtenhagen 1992 oder Solingen 1993.
Aufgrund der nun erneut überkochenden Stimmung bundesweit hat sich dieses Jahr im Herbst das Dokumentationsarchiv Monitoring Agitation Against Refugees In Germany, kurz „Dok-Maar“ gegründet. Die Idee des Projektes ist es, die aktuellen Proteste gegen Asylsuchende grafisch und chronologisch zu dokumentieren, um einen Überblick über die, oft verharmlosend als Einzelfälle bezeichneten, Ereignisse zu geben.
Das Archiv versucht den Zusammenhang von strukturellem, alltäglichem und gesellschaftlich-bürgerlichem Rassismus offensichtlich zu machen und so einen Beitrag zu leisten, um die
Illusion der entschuldigenden „Wir sind ja keine Rassisten, ABER“-Argumentationen zu zerstören. In regelmäßigen Updates dokumentieren wir auf unserer Website www.dok-maar.de Agitationen gegen Asylsuchende wie Brandanschläge, Körperverletzungen und Beleidigungen, Proteste wie hier in Schneeberg von Wutbürgern und Nazis oder aber nicht eindeutige Fälle.
Jedoch soll mit diesem Gruß an euch nicht nur unser Projekt vorgestellt werden. Wir möchten euch alle an dieser Stelle um eure Hilfe und Unterstützung bitten. Oft stellt sich die Recherche nach Angriffen komplexer dar, als sie letztendlich sein muss. Oft geraten Fälle in Provinzen oder Dörfern in Vergessenheit, da sie öffentlich bewusst ausgeblendet werden. Wenn ihr also könnt, schaut einmal auf unsere Seite. Wenn ihr wisst, dass es Agitationen gegen Asylsuchende gab, die wir noch nicht dokumentiert haben, kontaktiert uns bitte. Wir freuen uns über eure Unterstützung! Weitere Informationen, Chroniken, sowie einen Überblick über Geschehnisse findet ihr auf www.dok-maar.de

Euer Dok-Maar Team